Das enterische Nervensystem



Das enterische Nervensystem Michael Schemann, Hannover Das enterische Nervensystem (ENS) ist ein in der Darmwand lokalisiertes intrinsisches Nervengeflecht, das sich entlang des gesamten Magen-Darmtraktes – vom Ösophagus bis zum Anus – zieht. Es besteht im Wesentlichen aus zwei ganglionierten Plexus, dem Plexus myentericus, der zwischen den beiden äußeren Muskelschichten gelegen ist, und dem Plexus submucosus, der direkt der Mucosa anliegt. Bei größeren Säugetieren ist der Plexus submucosus in drei Plexus unterteilt. Das ENS enthält ca. 100 Mio. Nervenzellen, die in Ganglien lokalisiert sind. Es wurde sehr früh erkannt, dass das Nervensystem im Darm nicht als diffuses parasympathisches Ganglion angesehen werden kann, sondern vielmehr ein eigenständiger Teil des vegetativen Nervensystems ist. Langley führte daher 1900 den Begriff „enterisches Nervensystem“ ein, um deutlich zu machen, dass intrinsische Nerven des Darms unabhängig von anderen vegetativen Nerven arbeiten. Das vegetative Nervensystem wird heute in drei Teile gegliedert: das enterische, das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Das ENS ist wesentlich an der Regulation der lebenswichtigen Magen-Darm-Funktionen wie Motilität, Sekretion, lokale Durchblutung (Mikrozirkulation) und Abwehrmechanismen beteiligt (Abb. 1). Im Vergleich zum ENS spielt das sympathische und parasympathische Nervensystem für die Regulation der Magen-Darmfunktionen eine eher untergeordnete Rolle. So verdankt der Magen-Darmtrakt dem ENS seine Ausnahmestellung, da er als einziges Organ in der Lage ist, seine Funktionen auch im isolierten Zustand und damit unabhängig von zentralnervösen Einflüssen aufrechtzuerhalten. Diese Fähigkeit des ENS wurde zuerst 1899 von Bayliss und Starling beschrieben [W.M. Bayliss und E.H. Starling, J. Physiol. 24 (1899) 99–143]. Sie entdeckten, dass Reflexe auch an einem isolierten Darmstück ablaufen und unter anderem dafür sorgen, dass der Darm seinen Inhalt koordiniert in anale Richtung transportieren kann. Dieser Muskelreflex wird aufgrund seiner grundsätzlichen Bedeutung für die Propulsion des Darminhaltes auch als „law of the intestine“ (Gesetz des Darms) bezeichnet. Das ENS ist für die autonome Regulation der elementaren Magen-Darmfunktionen verantwortlich, während die extrinsischen, sympathischen und parasympathischen Nervenbahnen primär eine Überwachungsfunktion innehaben und nur gelegentlich regulierend und kontrollierend eingreifen. Da das ENS strukturell wie funktionell dem Gehirn ähnlich ist und vergleichbar komplexe Leistungen erbringt, wird es auch häufig als „little brain of the gut“ bzw. als Bauchgehirn bezeichnet. Die anatomische Zweiteilung des ENS in den Plexus myentericus und den Plexus submucosus hat auch ein funktionelles Korrelat. Während Nervenzellen des Plexus myentericus primär die Aktivität der Muskulatur steuern, übernehmen Nervenzellen des Plexus submucosus die Steuerung der verschiedenen Mucosafunktionen wie Sekretion und Resorption. Gemeinsam beeinflussen beide Plexus die Durchblutung des Darms. Ebenso beteiligen sich myenterische wie submucöse Nervenzellen an der Interaktion mit dem Darmimmunsystem.

5 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen