Eine kurze Reise durch die Kulturgeschichte der Gebärmutter





Die schöpferischen weiblichen Heilkräfte

Der Körper weiß mehr, als wir denken.

Weibliche Weisheit wurde in alter Zeit aus Erkenntnissen des Leibes gewonnen und entwickelte sich lange vor der Zeit des männlich geprägten »Logos«, des Verstandes. Frauen schöpften Wissen aus ihrer Körperweisheit, oft an bestimmten heiligen Orten und zu besonderen Zeiten, zum Beispiel in der Zeit der Blutung. Die Historikerin Barbara Duden schreibt von einer Leibgebundenheit im 18. Jahrhundert, wo Frauen nicht vom Körper sprachen, sondern selbst ihr Körper waren.1 Sie verwendeten eine Vielzahl an Worten, wie zum Beispiel Ziehen, Reißen, Treiben, Pochen, Fließen, Verkrampfen; und sie drückten aus, was sie durch inneres Tasten, Berühren, Anfühlen erfuhren. Sinnesempfindungen spielten also eine große Rolle, und allein für den Geruchssinn gab es beispielsweise noch vor 200 Jahren mehr als 180 Wörter. Der Leib als »Innenraum« war Schauplatz von Störungen im Beziehungsfeld. Das Innere war noch unsichtbar, Frauen verließen sich auf das Spüren der Flüsse in sich, der Arzt verließ sich auf die Schilderungen der Frauen und auf das Erkunden der Flüssigkeiten, die nach außen kamen. Meist wussten die Frauen genau, was bei ihnen los war, sie diagnostizierten und behandelten sich auch selbst, der Arzt hörte zu, bestätigte und verschrieb. Es gab die Vorstellung davon, dass Gefühle im Leib sind und dort wirken. Beispielsweise war der Zorn als Verkrampfung spürbar, die eine Öffnung blockiert. Die nicht ausgeleitete Wut zeigte sich zum Beispiel spiegelbildlich als Krampf in der Gebärmutter. Es wurden deshalb Mittel verschrieben, die den Körper wieder öffneten. Tatsache ist auch, dass unser Körper und unsere Sinne viel rascher auf Eindrücke reagieren als unser sprachliches Denken. Alle

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Erfahrungen sind in unseren Zellen gespeichert und können auch wieder abgerufen werden. Dabei ist der körperliche »innere Tastsinn« ganz entscheidend für weibliche Identität. Denn körperliche Vorgänge, wie Zyklus, Menstruation, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt, werden nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich empfunden. Die Frau ist als Trägerin ihrer Gebärmutter Hüterin des Werdens und Vergehens, sie hat Macht über Leben und Tod, begleitet Übergänge, gebiert Kinder und wäscht die Toten. Sie handelt aus einer inneren Weisheit heraus, die viel mit ihren leiblichen Rhythmen und leib-seelischen Potentialen zu tun hat. Mit der Entwicklung moderner Medizin wurde uns die Kompetenz aus der Hand genommen. Die Geburt eines Kindes zum Beispiel war über lange Zeit eine Sache zwischen Mutter und Kind – mit Hilfe von Hebamme sowie verwandten und benachbarten Frauen. In der modernen Medizin wurde das Gebären zur Krankheit, die Gebärende kam ins Krankenhaus. Sprachlich wurde aus dem Kind ein »Fötus« und aus der Frau ein »uterines Versorgungssystem«. Das Unregulierte wurde pathologisiert, und die pathologische Frau wurde zur Norm. Alle Übergänge, wie Geburt, Pubertät, Wechseljahre und Sterben, wurden zu pathologischen Phasen und mussten medizinisch kontrolliert werden. Der Körper wurde nicht mehr von uns Frauen selbst wahrgenommen, sondern durch einen männlich-medizinischen Blick. Der natürliche Körper wurde anstößig, und gutes Benehmen, Selbstbeherrschung, Hygiene, Pflege und Ordnung traten in den Vordergrund. Sinneswahrnehmungen wie Schmecken, Riechen und Fühlen wurden reduziert und das Sehen verstärkt kultiviert. War einst der Fluss der Körpersäfte für Gesundheit und Wohlbefinden wichtig, sollte der neue Körper verschlossen sein, nicht riechen, nicht schwitzen, durfte sich nicht verströmen und wurde zum Objekt für Medizin und Kosmetikindustrie. Die Vernunft kontrollierte und leitete den Leib.

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Aber den Körper selbst wieder sinnlich wahrzunehmen und ihn Erlebtes auch ausdrücken zu lassen, ist wesentlich für Heilung und Gesundung. In Selbstheilungsprozessen erkunden Frauen bestimmte Orte und Organe im Körper durch inneres Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Ertasten, aber auch durch den Dialog mit dem Körper und/oder den Organen. Hier wird also auch Sprache wichtig, und gerade beim Unterleib fehlen oft die passenden Worte. Das griechische Wort für Gebärmutter ist ursprünglich »Hystera« oder »Delphi«. Das Orakel von Delphi wurde von Priesterinnen aus dem symbolisch Weiblichen, der Vulva, gelesen, was auch »Kelch« oder »Schale« bedeutet. »Volven« oder »Völva« nannten die nordischen Völker die weisen Frauen und Seherinnen. Später wurde die Bezeichnung Vulva durch den medizinischen Begriff »Uterus« verdrängt und zunehmend mit dem äußeren Genital verbunden. Der medizinisch verwendete Begriff »Uterus« wird auch mit »Fruchthalter« oder »Brutraum« gleichgesetzt. Die Frau wird hier zum Behälter für das Kind, und die Gebärmutter wird auf das Kinderkriegen reduziert. Aus dieser Sichtweise wird die Gebärmutter in den Wechseljahren zu einem überflüssigen Organ, das schon bei kleinen Problemen entfernt wird. Man spricht hier von einer »Amputation der Gebärmutter«, von »Beckensanierung« oder »Totaloperation« oder dem »40er-Service«, bei dem die Frau »ausgeräumt« wird. Dabei ist die Gebärmutter weit mehr als nur ein Organ. Sie ist das zentrale weibliche Energiefeld, der Sitz der weiblichen Seele. Im Mittelalter gab es zahlreiche zum Teil religiöse Metaphern für die Gebärmutter, zum Beispiel der »verborgene Garten«, die »Festung«, die »Kammer«, der »Paradieses-Schoß«, der »Tempel Jerusalems«.2 In der chinesischen Tradition wird die Gebärmutter »himmlischer Palast«, »schützender Palast« oder auch »Blutsee« genannt.3 Die feministische Theologin Gunhild Buse erzählt von Frauen, die ebenfalls sehr liebevolle Namen für ihre Gebärmutter gefunden haben, wie »Schatzkästlein«, »kleiner Schrein«, »schützende Höhle«,

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»Goldstück«, »mein Sönnchen«, »Wiege« oder »mein kleines Öfchen«.4 Die Frauen in meiner Beratungspraxis wählen häufig spirituell und auch sexuell ausgerichtete Namen, zum Beispiel: Tempel, Kathedrale, Lustgrotte. Andere Assoziationen von Seminarteilnehmerinnen zur Gebärmutter sind: Höhle, Liebesnest, Wärme, Schutz, Zentrum, elastisch, Ursprung, Kraft, Leben, Intuition, Quelle, Lebensenergie, Weisheit, Sicherheit, Geborgenheit, Flexibilität, Weiblichkeit, Tor, Freiheit, Fokus, Göttlichkeit, Spontanität, Sein, Vertrauen, Ich. Der weibliche Unterleib bzw. die Gebärmutter werden als Ort des Heilens »heil« und zugleich als heiliger Ort »heilig« beschrieben, und viele meiner Klientinnen erleben die Verbindung tatsächlich direkt im Heilungsprozess. Da dem weiblichen Unterleib auch etwas »Dunkles«, Geheimnisvolles, Tabuisiertes anhaftet, das zu Fantasien anregt, reicht das Spektrum der Zuschreibungen und Eigenschaften von der hysterischen, unberechenbaren, gierig verschlingenden Gebärmutter bis hin zur sexuellen Ware, dem Besitz und Objekt Frau.

Um Unterleibsbeschwerden der Gegenwart besser zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, welchem Wandel die Bedeutung der Gebärmutter im Laufe der Kulturgeschichte unterworfen war und was diese gesellschaftliche Umdeutung konkret in uns bewirkt: von dem einst in der Mythologie als Ursprung des Lebens verehrten weiblichen Prinzip bis hin zu unserem heutigen Verständnis, das die weiblichen Organe auf reine Reproduktion reduziert. Die machtvolle Gebärmutter

Die machtvolle Gebärmutter

Erzählen die Schöpfungsmythen noch von der Urmutter als Schöpferin und Gestalterin der Welt, die in den Legenden vieler Kulturen als große Göttin das Weltenei gebar, bezeichnen die Philosophen der Antike die Gebärmutter bereits verächtlich als Quelle »entsetzlicher Schmerzen und die Ursache tausendfachen Übels«.5 Und noch im 19. Jahrhundert vertraten Ärzte die Auffassung, dass Bildung für Frauen ungesund sei, weil zu viel Blut im Kopf gebraucht würde, was zu Lasten der Fruchtbarkeit ginge. Frauen wurden dabei als eine Art zeugungsunfähiger Männer gesehen, weil sie nicht imstande waren, Samen in sich ausreifen zu lassen. Die weibliche Eizelle wurde erst 1827 durch Karl Ernst von Baer entdeckt. Der Mann machte also die Kinder, die Frau war nur das Gefäß dafür. Ging alles gut, war das Kind ein Abbild des Vaters, also ein Knabe. Das Mädchen wurde dagegen als Missgeburt empfunden. So wurden die großen Leistungen und Fähigkeiten des weiblichen Körpers umgedeutet in Mängel, Fehler und Missbildungen – auch ein Ausdruck der über Jahrhunderte andauernden Versuche, der Macht der Gebärmutter Herr zu werden. Zwei Beispiele aus dem Fundus der Mythenforscherin Andrea Dechant, die speziell diese Macht der Gebärmutter betonen: Cerridwen und die Ge-Bärmutter

Cerridwen kocht im Kessel das geheimnisvolle Gebräu, das Heilung auf allen Ebenen bringt. Kessel und Topf sind Symbole dafür, was Frauen tun: nämlich aus ihrer Kraft schöpfen, gebären, nähren, wachsen lassen, bewahren und heilen. Der Kessel der Cerridwen steht auch für den Bauchkessel, für die Gebärmutter der Frauen als »heiliges Gefäß«.

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In Überlieferungen aus vorchristlicher Zeit und auch in vielen Märchen und Hexengeschichten wurde die Gebärmutter als Kessel dargestellt. Der weibliche Kessel war ein zentrales Symbol des heidnischen Glaubens und galt als Quelle der heiligen Wandlung, der Weisheit, Erkenntniskraft und Magie. Im Mittelalter wurde er als Hexenkessel verteufelt und vom christlichen Kreuz verdrängt, das für die Endgültigkeit, den Tod, die Wiederauferstehung und für Belohnung oder Bestrafung stand.

Die Ge-Bärmutter, die Bärgöttin, die auch »Percht« oder »Bärmuada« genannt wird, ist diejenige, die Leben bringt und gleichzeitig den Tod als Übergang in eine neue Phase symbolisiert.6 Dass hier nicht nur der Bär bzw. die Bärin, sondern vor allem die Gebärmutter gemeint ist, liegt auf der Hand. In Europa wurden Bären rituell verehrt, und es wurden ihnen besondere Heilkräfte zugesprochen. Frauen erhofften sich von der Bärinnenkraft Kindersegen.

Auch ich kam in meiner Kindheit in Berührung mit der »Bärmuada«, die besonders in den Raunächten zugegen war und mit der wilden Jagd herumzog. Meine Geschichte dazu erzähle ich im dritten Teil des Buches.

Die Kulte in vorindustriellen Ackerbaugesellschaften waren geprägt vom mystischen Bezug zwischen der Fruchtbarkeit des Bodens und der Kraft der Frau. Unzählige Ausgrabungen von weiblichen Figuren, wie zum Beispiel die der Venus von Willendorf, bezeugen, wie groß die Verehrung der Frau einst war, und die indigene Bevölkerung der Anden beispielsweise verehrt auch heute noch »Mutter Erde«. Eine Symbolik, die auf die enge Verbindung von universellem Mutterschoß und der Gebärmutter in jeder Frau7 hinweist und die vom ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens erzählt, von der

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sich ewig erneuernden Erde, die uns aufnimmt, verwandelt und wieder »ausspuckt«, so wie die Gebärmutter sich regelmäßig erneuert, verwandelt, »ausspuckt« und gebiert. Dabei kam Höhlen eine große magisch-spirituelle Bedeutung zu, wie aus den Höhlenmalereien zu deuten ist.8 Sie wurden als heilige Orte für weibliche Fruchtbarkeits-, Menstruations- und Geburtsrituale aufgesucht.9 Auch das Element Wasser als Lebensquelle spielte eine wichtige Rolle, weshalb der Brunnen als ein weiterer Ort der Weiblichkeit verehrt wurde, bis sich im Mittelalter die Kirche gegen diese Verehrung stellte und sie als »teuflische Fotze« kennzeichnete. An besonderen Stätten, oft mitten im Zentrum eines Ortes, befand sich ein Brunnen, der für die Bevölkerung die Gebärmutter und mit ihr die Fruchtbarkeit symbolisierte. Solche Brunnen findet man auch heute noch. Sie können einem Ort Kraft und Ruhe verleihen, und Menschen sitzen rundherum, um diese fruchtbare Energie zu tanken, ohne die Bedeutung zu kennen.10 In Märchen wird das weibliche Prinzip unter anderem durch das Hinabsteigen in sich selbst verkörpert, wo Weisheit und Lösung gefunden werden, die fast immer mit Reichtum und Fülle zu tun haben. Meist kommt noch die Hilfe durch ein Tier hinzu, zum Beispiel durch die Kröte, die zur Verbündeten wird und weibliche Intuition und Weisheit verkörpert. Da in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs Märchen auch als Erziehungs- und Hilfsmittel dienen, um bestimmte Wertvorstellungen und Rollenbilder zu festigen, handeln viele Erzählungen vom Wandel der starken, weisen Frau zu einem unterwürfigen, schutzbedürftigen Wesen, und zwar meist dann, wenn von der Zerstörung oder dem Diebstahl von Töpfen und Kesseln berichtet wird, was den Verlust weiblicher Kräfte symbolisiert. Wie im Märchen »König Drosselbart«, in dem der König alle Töpfe der Prinzessin zertrümmert und damit ihren Willen bricht. Er beraubt sie ihres Bauches und ihrer Fruchtbarkeit, und als sie verzweifelt die Scherben einsammelt, bietet er ihr die Hochzeit an.

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Feministinnen wie Luisa Francia oder Jutta Voss (Theologin) gehen davon aus, dass das Christentum das Wissen der Frauen, ihre Macht und ihre Symbole übernommen und verändert hat. Die große Göttin wurde von Gott abgelöst, und aus dem Kessel, der mit Frauenblut gefüllt war, wurde der Kelch mit dem Blut Christi. Das Menstruationsblut wurde zum Opferblut. Der Kessel von Fruchtbarkeit und Leben wurde zum gefürchteten Kessel des Teufels, der Hexen und des Todes. Er musste gejagt und in Besitz genommen werden.11 Von der Suche nach diesem mythischen Kessel oder Gefäß erzählen die Geschichten vom heiligen Gral. In ihrem Buch »Die weise Wunde Menstruation« bezeichnen Shuttle und Redgrove den Gral als das begrabene weibliche Geheimnis12. Ein anderer Aspekt verweist auf die Gebärmutter als gieriges, verschlingendes Tier, das die wilde, animalische Seite der weiblichen Sexualität symbolisierte. So existierte im süddeutschen Raum des 16. Jahrhunderts die Vorstellung von der »Gebärmutterkröte«, die im Inneren der Frau herumkriecht, weshalb Frauen zum Kurieren von Unterleibsbeschwerden sogenannte Gebärmutterkröten als Opfertiere formten. Auch die griechische Göttin Hekate, die die Geheimnisse der Natur enthüllen konnte, stand mit Frosch und Kröte in Verbindung13 und wurde selbst oft als Tier beschrieben. Die Theologin Jutta Voss, die rund 2.500 Bilder zum Thema Menstruation sammelte, fand eine Fülle von Bildern mit Schweinegöttinnen, so zum Beispiel Hys, das heilige Schwein. »Hys« ist das griechische Wort für Schwein und »Hystera« für Gebärmutter. In der Schweinegöttin wurde die Vollmacht der Frau, zyklisch zu leben und zu gebären, religiös dargestellt.14 Eine ursprüngliche Kraft und Stärke in jeder Frau, die durch die »wilde Sau« symbolisiert wird, und zu der wir erst wieder zurückfinden müssen.

Da die Gebärmutter als ein eigenständiges Wesen gedeutet und verehrt wurde, das zu dieser Zeit noch nicht sichtbar und somit auch

Schuld und Scham als christliches Geschenk

nicht zu kontrollieren war, wollte der Mann ihrer Herr werden und ihr im wahrsten Sinne des Wortes »zu Leibe rücken«.

Schuld und Scham als christliches Geschenk

Im Alten Testament wird die Gebärmutter (rächäm) nach dem Herz als inneres Organ am häufigsten genannt, und Gott war Besitzer einer Gebärmutter.15 Die Gebärmutter wurde als Sitz von Mitgefühl und Barmherzigkeit beschrieben und hatte heilende Kraft. Ein hoch angesehenes Organ, das deswegen aus der Kirche verbannt wurde, die das heilige weibliche Blut der Fruchtbarkeit und Wandlung durch das Tötungsblut von Jesus ersetzte und Männer zu Blutsbrüdern des Kirchenbundes ernannte. Mit diesem Zugriff auf den weiblichen Unterleib schwächte das Christentum massiv die Position der Frauen, die in »die Heilige« und in »die Hure« separiert wurden. Als Nachfolgerinnen der verführerischen Eva mit der Erbschuld belastet, setzte man uns die keusche, selbstlose Figur der heiligen Maria, die nie menstruiert hat und ohne Geschlechtsverkehr schwanger wurde, als Frauen-Vorbild vor die Nase. Fortan waren Geist und Unterleib getrennt: Maria, vom heiligen Geist geschwängert, war ihres Unterleibs entledigt, der nun Maria Magdalena, der Hure und Sünderin, zugeteilt und, mit Schuld, Scham, Schmutz und Sünde beladen, zum Teufelswerk abgewertet wurde. Die Menstruation wurde zum Fluch umgedeutet – denn wir Frauen sollten monatlich als Strafe für unser sexuelles Begehren leiden. Die Verfolgung weiblicher kreativ-heilender Kräfte gipfelte in der mittelalterlichen Hexenverbrennung; genau zur deren Hochblüte kam der männliche Ärztestand auf, und Männer übernahmen das Wissen der weisen Heilerinnen.

Eine kurze Reise durch die Kulturgeschichte der Gebärmutter

Diese alte Schuldzuweisung ist tief in uns verwoben. Frauen, die zu mir in die Beratung kommen, berichten häufig über eine körperlich spürbare Abspaltung und Entwertung des Unterleibs, über eine gefühlte Blockade zwischen Oberkörper und Unterleib, die sie »das da unten« als abgetrennt bzw. nicht zu ihnen gehörend erleben lässt. Und wir Frauen neigen auch heute noch dazu, bereitwillig für alles und jeden die Schuld auf uns zu nehmen. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir krank sind, Probleme haben, Hilfe brauchen, sexuell nicht oder zu lustvoll sind, nicht schwanger werden, wenn der Partner eine Geliebte hat oder wenn es den Familienangehörigen nicht gut geht. Achten Sie doch einmal darauf, wie oft Sie sich im Vergleich zu Männern entschuldigen oder einem Mann die Schuld abnehmen und sich für ihn entschuldigen. Selbst Frauen, die von ihren Männern gegen sich oder ihre Kinder Gewalt erfahren haben, meinen, daran schuld zu sein, oder sie versuchen zum Beispiel, die Schläge des Vaters an den Kindern wieder »gutzumachen«.

In der Beratung ist Schuld ein zentrales, ursächliches Thema, das Frauen sehr belasten kann. Und mit ursächlich meine ich, sich allein schon dafür schuldig zu fühlen, eine Frau zu sein. Klientinnen wird oft erst in der Beratung bewusst, dass sie als Mädchen unerwünscht oder weniger wert waren als Buben. Diese tief sitzende »Grundschuld« lässt sich daran beobachten, dass frau sich schon für ganz normale Dinge entschuldigt, zum Beispiel wenn sie auf die Toilette muss oder wenn der Darm während einer Visualisierung Geräusche macht. Oder für heilsames Fließen, wenn geschwitzt oder geweint wird. Oder wenn plötzlich die Regel einsetzt. »Schuldige Frauen« tun sich verdammt schwer damit, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen, sie von den Bedürfnissen anderer, die sie über lange Zeit in den Vordergrund gestellt und oft mit den eigenen verwechselt haben, zu unterscheiden und neu zu formulieren. Wenn sie dann wissen, was ihnen guttut und was sie für ihre Heilung

Schuld und Scham als christliches Geschenk

brauchen, kommt sofort wieder die Schuld ins Spiel, indem sie glauben, im negativen Sinn egoistisch zu sein, sobald sie auf sich selbst achten. Auch ein stark ausgeprägtes Harmoniebedürfnis kann Ausdruck von Schuldgefühlen sein. Viele von uns haben als Mädchen nicht gelernt, Konflikte auszutragen, zu streiten oder auch mal auf den Tisch zu hauen. Wir wurden dazu erzogen, auszugleichen und auszuhalten und nur ja keine Wut zu zeigen. Wenn Frauen dann auf ihre heilsamen Potentiale stoßen, sich trauen, Nein zu sagen und das zu tun, was ihnen selbst wichtig ist, berichten sie oft, wie dieses Verhalten große Schuldgefühle in ihnen auslöst. So machen sie sich selbst klein und schämen sich gleichzeitig dafür.

Die Scham ist eine Schwester der Schuld. Auch sie belastet den weiblichen Unterleib, wurde uns doch über Jahrhunderte vermittelt, dass wir uns aufgrund unserer Mangelhaftigkeit zu schämen haben.16 Diese Scham hat Frauen über lange Zeit gelehrt, ihre Geschlechtlichkeit mit allen ihren Aspekten möglichst zu verstecken, was dazu führte, dass ihnen noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unterstellt wurde, sie seien von Natur aus falsch und hinterlistig, und Männer hätten sich deshalb vor weiblicher List und Täuschung zu schützen.17 Gleichzeitig wurden Frauen dazu angehalten, Dinge nicht direkt, sondern eher von hinten oder über Dritte anzusprechen oder ganz den Mund zu halten. Da Körper und Sexualität mit schambehafteter Sünde belegt waren, hatten Frauen sich für ihre Lust spendenden Sexualorgane im wahrsten Sinne des Wortes zu schämen. Begriffe wie »Schamlippen, Schambein, Schamhügel« unterstützen dieses Gefühl sprachlich und erinnern uns Frauen im Alltag ans Schämen. Niemand käme aber auf die Idee, den Penis eines Mannes als »Schamstengel« oder »Schambeutel« zu bezeichnen. Einzig die »Schamhaare« haben beide gemeinsam.


von Gabrielle Pröll

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