Mara in der Hindu-Mythologie



In der Hindu-Mythologie wird Mara (tib. bdud) mit Kama (tib. ‘ dod-pa‘i lha), dem Gott des Begehrens gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung wird auch im Buddhismus anerkannt. Die Kalachakra-Buddhafigur hat zum Beispiel Kama, der alle vier Maras respräsentiert, unter seinem rechten Fuß. Kama war einer der Söhne von Krishna und Rukmini und Kamas Frau war Rati. Die Götter sandten Kama, um Shiva aus seiner Meditation zu wecken, damit er Interesse an Paravati nehmen und ein Kind namens Karttikeya haben könne, welches als fähig prophezeit wurde, in einem Alter von sieben Tagen den Dämonen Taraka zu töten. Um Shiva zu wecken, schoss Kama fünf Pfeile mit seinem Bogen ab. Diese Pfeile sollten jemanden

exstatisch (tib. dga‘ -byed) machen,

begierlich (tib. sred-byed) werden lassen,

betäuben (tib. rmongs-byed), was vielleicht nahelegt, jemanden verrückt oder senil zu machen,

mager, ausgemergelt und ausgetrocknet (tib. skem-byed) machen, was in diesem Kontext heißen könnte, ausgezehrt, hungrig und durstig zu machen, sodass jemand die Meditation aufgibt. In anderen Kontexten könnte das heißen, dass es das Werk Maras ist, wenn wir austrocknen und keine Feuchtigkeit (der Tränen) des Mitgefühls haben.

leblos machen (tib. `chi-byed), was in diesem Kontext Shiva vielleicht besorgt machen könnte, er könnte sterben während er meditiert, sodass er aus Angst davor aufstehen würde.

Diese fünf werden die fünf Arten der Ärgernisse genannt, die das Werk Maras sind.

Shiva war verärgert und verbrannte Kama mit einem Feuerblitz aus seinem dritten Auge zu Dörrfleisch. Dann aber gestattete Shiva auf Ersuchen von Rati, dass er als Pradyumna wiedergeboren werde. Als Pradyumna sechs Jahre alt war, stahl ihn der Dämon Shambara, der ihn ins Meer warf, da es eine Vorhersage gab, dass er Shambara töten würde. Pradyumna wurde von einem Fisch verschluckt, aber ein Fischer fing den Fisch und gab den Knaben, den er im Magen des Fisches fand, Shambaras Geliebter Mayadevi, die ihn aufzog. Mayadevi entwickelte Begehren für Pradyumnas Schönheit, aber Pradyumna schalt sie, da er sie als seine Mutter ansah. Sie eröffnete ihm, dass er der Sohn von Krishna und Rukmini sei und dass Shambara ihn ins Meer geworfen hatte. Pradyumna wurde auf Shambara wütend und tötete ihn indem er seine Fähigkeit der Emanationen benutzte. Dann nahm ihn Mayadevi zum Haus Krishnas mit und Pradyumna und Mayadevi wurden Mann und Frau.

Daher kann Mara in der Form eines göttlichen Wesens personifiziert werden. In der buddhistischen Kosmologie residiert er auf den höchsten Höhen des göttlichen Bereichs der Ebene des Sinnesbegehrens (Bereich des Begehrens), dem Gipfel des Meru-Berges. Dieser wird der Himmel derer genannt, die die Macht der Emanationen über andere besitzen (tib. gZhan-`phrul dbang-byed, Skt. Paranirmita-vashavartin). Buddhisten erklären diesen Himmel gewöhnlich so, dass dort Götter sind, die die Macht haben, die Emanationen anderer zu genießen, aber die tibetischen Ausdrücke und die Begriffe in Sanskrit machen mehr Sinn, wenn sie in Übereinstimmung mit den Hindu-Mythen verstanden werden.

Mara in der buddhistischen Mythologie

Im Buddhismus verkörpert Mara daher die falschen nicht-buddhistischen Ansichten, die die letzten waren, die Buddha mit seinem dritten Weisheitsauge zu überwinden hatte. Das ist analog zu der Erzählung in der Hindu-Mythologie, dass Shiva Kama mit dem Feuerstrahl seines dritten Auges zerstörte als dieser versuchte, Shiva zu stören.

Mehrere Berichte in verschiedenen Sutras beschreiben den Sieg Buddhas über Mara. Zum Beispiel kommt Mara im Sutra des Bestrebens (Pali: Padhana Sutta) im Pali-Kanon zu Shakyamuni, als Shakyamuni asketische Praktiken machte und sagte: „Du bist so dünn und blass. Suche keine Befreiung und Erlösung – was bedeuten würde die Welt zu verlassen ‐ sondern bleibe in der Welt und tue Gutes“. Mit anderen Worten, er versucht Shakyamuni zu überreden, ein weltliches Leben zu führen, wenn auch eins, in dem er sich damit beschäftigt anderen zu helfen. Mara sandte eine Armee aus, um Shakyamuni zu besiegen. Shakyamuni zählt die Armeen Maras so auf: Sinnliches Begehren, Unzufriedenheit, Hunger und Durst, Verlangen, Trägheit, Angst, unentschlossenes Schwanken (Zweifel), Rastlosigkeit, Verlangen nach den vergänglichen Dingen des Lebens (Gewinn, Lob, Ehre und Ruhm) sowie sich selbst zu loben und andere herabzusetzen. Buddha sah, dass er aufhören müsse sich mit Gedanken über diese Dinge zu identifizieren, um all dies zu überwinden.

Später erscheint Mara als armer Bauer und als alter schniefender Brahmane, die Welt symbolisierend. Shakyamuni erkennt, dass Mara in allen Aggregaten, die erscheinen, vorhanden ist, sagte Mara aber, dass er sich nicht verstecken könne. Shakyamuni sieht in ihm die bedauernswerte Kreatur, die er ist, wie sie sich in der mitleiderregenden Form des Bauern und des Brahmanen darstellt. Mara erscheint dann als Naturkatastrophe und als gefährliche Wildtiere. Shakyamuni hat aber keine Todesangst. Mara schickt dann seine drei Töchter, die versuchen sollen Shakyamuni zu verführen, jedoch ohne Erfolg. Mara versucht dann Shakyamuni auszutricksen, indem er mit ihm übereinstimmt, dass der Tod nichts ist, das zu fürchten wäre und man ihn daher ignorieren könne. Mit Hilfe dieser Überlegung versucht er Shakyamuni zu überzeugen, dass das Leben lang sei und man es einfach genießen solle. Shakyamuni verneint, da die Lebensspanne kurz ist, sodass man so leben soll, als stünde der Kopf in Flammen – und das bedeutet dann auch ggf. persönliche Gefahr zu ignorieren. Da das Leben jederzeit plötzlich enden kann, muss man sofort Nutzen aus seinem wertvollen menschlichen Leben ziehen. Dann gibt Mara auf und schleicht sich davon.

Die vier Maras

Der Begriff mara stammt von der Sanskrit-Wurzel mr, die „ ermorden“ bedeutet. Daher ist Mara dasjenige, das mordet oder uns begrenzten Wesen Hindernisse bereitet und ebenso unseren konstruktiven Handlungen, die zu den drei spirituellen Zielen einer der besseren Wiedergeburten, Befreiung und Erleuchtung führt. Mara wird auch als das erklärt, das „ein Ende macht“ (tib. mthar-byed, Skt.antaka) – nämlich das, was ein Ende der spirituellen Praxis herbeiführt.

Es gibt vier Arten von Mara:

der Mara des Todes (der Herr des Todes),

der Mara der störenden Emotionen und Geisteshaltungen,

der Mara der Aggregat-Faktoren der Erfahrung (die fünf Aggregate),

der Mara als Sohn der Götter

Der Mara des Todes

Der Tod verursacht natürlich das größte Hindernis für unsere Praxis. Es ist nicht sicher, ob wir in unseren nächsten Leben wertvolle menschliche Wiedergeburten mit Ruhepausen und Bereicherungen haben werden, die uns eine ungehinderte Praxis erlauben. Aber auch im Falle einer solchen Wiedergeburt müssen wir unseren spirituellen Pfad wieder als Kind beginnen. Noch dazu kommt der Tod, unkontrollierbar am Ende eines jeden Lebens.

So wird Mara auch als Yama (tib. gShin-rje), der „Herr des Todes“ (tib. `Chi-bdag), bezeichnet, während im Anuttarayoga-Tantra-System Buddha Yamantaka (tib. gShin-rje gshed) ist, der „Einzige, der Yama ein Ende“ macht. Im Tantra aber ist Yama nicht nur der Tod selbst, sondern es gibt drei Ebenen von Yama, die auf die drei Ebenen eingehen, die mit dem Tod befasst sind:

der äußere Yama, der der Tod selbst ist.

der innere Yama ist die störenden Emotionen und Geisteshaltungen, die die karmische Hinterlassenschaft aktivieren, uns so in eine nachfolgende Wiedergeburt treiben und den Geburt-Tod-Kreislauf verewigen.

der verborgene oder geheime Yama ist der dreifältige subtilste konzeptionelle Geist, der Erscheinungen von wahrer Existenz hervorbringt: Die Schwelle (tib. nyer-thob, dem Erreichen nahe, schwarze Erscheinung), Licht-Streuung (tib. mched, heller werdend, rote Erscheinung) und Erstarren der Erscheinung (tib. snang, Erscheinung, weiße Erscheinung). Jede Wiedergeburt beginnt mit diesem dreifältigen subtilsten Geist, der Erscheinungen von wahrer Existenz hervorbringt. Auf Unwissenheit basierend glauben wir, dass die vorgegaukelten Erscheinungen mit der Realität übereinstimmen und greifen nach wahrer Existenz und all den störenden Emotionen und Geisteshaltungen, die auf dieser Unwissenheit und dem Greifen basieren.

Es gibt sechs Unzulänglichkeiten, die Hindernisse für unser spirituelles Studium und die Praxis verursachen, wenn wir uns den Tod nicht vergegenwärtigen:

wir werden die Dharma-Maßnahmen nicht gegenwärtig halten,

auch wenn wir sie uns gegenwärtig halten, werden wir sie nicht in die Praxis umsetzen,

auch wenn wir den Dharma in die Praxis umsetzen, werden wir ihn nicht sehr rein ausführen,

unsere Entschlossenheit ernsthaft zu jeder Zeit zu praktizieren wird nachlassen,

durch unsere destruktiven Handlungen werden wir uns selbst behindern, Befreiung zu erlangen,

zur Zeit unseres Todes werden wir mit Bedauern sterben.

Wir praktizieren den Dharma nicht rein, da wir von den acht vergänglichen Dingen des Lebens (tib. `jig-rten-paì chos-brgyad, die acht weltlichen Dharmas) gefangen sind, wenn wir uns den Tod nicht vergegenwärtigen. Wir sind erfreut und begeistert vom ersten Faktor der folgenden Paare und unerfreut, niedergeschlagen oder enttäuscht vom zweiten:

Lob oder Kritik,

Hören guter oder schlechter Neuigkeiten – einschließlich der Nachricht, oder fehlenden Nachricht von Menschen, die wir lieben und dem Hören wohlklingender Töne oder von unangenehmen Lärm,

Gewinne oder Verluste – wie von Geld oder Besitz,

wenn Dinge gut gehen oder schlecht – wie gesund sein und glücklich oder krank sein und bedrückt.