Temperamentenlehre unter Hippokrates und Polybos

Schon mit der Entstehung der Temperamentenlehre unter Hippokrates und Polybos – noch als die „Vier-Säfte-Lehre“ dargestellt – war die Vorstellung verbunden, dass jedes der vier Elemente bzw. jeder der vier Säfte aufeinanderfolgend im Umlauf der vier Jahreszeiten zur Herrschaft gelange und zugleich auch in viel größeren Zeitabständen in vier Phasen des menschlichen Lebens. Demnach dominiert das Wasser-Element während der „phlegmatischen“ Kindheit, das Luft-Element während der „sanguinischen“ Jugend, das Feuer- Element während der „cholerischen“ Reifezeit und das Erd-Element ährend des „melancholischen“ Alters. [1]

Aus heutiger entwicklungs- und sozialpsychologischer Sicht scheint mir diese Zuordnung nicht mehr begründbar. Wenn überhaupt, ließen sich eher folgende Zuordnungen annehmen:

Die Kindheit wird dominiert vom Wasser-Element, weil die emotionale Verbundenheit mit den Eltern von zentraler und existentieller Bedeutung ist. Das Jugendalter gehört dem Erd-Element, weil das Hineinwachsen in die Gesellschaft im Vordergrund steht, der Heranwachsende in besonderem Maße mit den sozialen Normen und Regeln konfrontiert wird, sich also normativ bzw. sittlich ins Leben einstimmen muss und dabei die eigenen realen Grenzen und Möglichkeiten ausloten bzw. lernen muss, sein Leben danach auszurichten.

Das Erwachsenenalter wird vom Feuer-Element beherrscht, weil vor allem in dieser Phase der einzelne Mensch ohne den Schonraum der Kindheit und Jugend herausgefordert ist, sich existentiell im Wettbewerb mit anderen zu behaupten, sich mit seinem Anliegen einzubringen und sich in seiner Selbst ändigkeit zu verwirklichen.

Das Alter wird überwiegend vom Luft-Element bestimmt, weil der Mensch nun mit Erreichen des Rentenalters unabhängiger von Verpflichtungen, welche die Arbeit und das Aufziehen der Kinder mit sich bringen in neu gewonnener Freiheit sich den Interessen und Beziehungen widmen kann, für die es vorher an Zeit mangelte, und sein nun reicheres Wissen und zur Weisheit gesteigertes Bewusstsein vermitteln kann, wofür es bis dato noch nicht so die Möglichkeit und Gelegenheit gab.

Leider krankt unsere materialistisch geprägte Gesellschaft daran, das Alter nicht angemessen zu würdigen und zu nutzen auf Grund eines übertriebenen und überschätzten Jugend- und Körperkults. Abgesehen von diesen großen Abschnitten des Lebens weisen entwicklungspsychologische Erkenntnisse darauf hin, dass der Mensch innerhalb dieses weiten Rahmens noch in kürzeren, zum Teil in äußerst kurzen Lebensphasen durch die Energiefelder der vier Elemente hindurchgeht und in Wechselwirkung mit seiner gleichfalls durch die vier Elemente mitbestimmten individuellen Veranlagung davon geprägt wird. Das beginnt offenbar schon mit der Entwicklung des Fötus während des Übergangs von der pränatalen Phase in den Geburtsvorgang bis zum Geburtsmoment, wie der Psychiater, Psychotherapeut und Philosoph Stanislav Grof durch Rückführungen Erwachsener zu den Erfahrungen während der Geburtsphasen mit Hilfe von LSD oder „holotropem“ Atmen eindrucksvoll gezeigt hat. Es ist hier nicht der Ort, auf den Charakter dieser komplexen Erfahrungen im ganzen einzugehen, sondern lediglich deutlich zu machen, dass die von Grof „perinatale Grundmatrizen I-IV“ genannten Erfahrungsmuster während der vier Geburtsphasen u.a. auch einen Durchgang durch die vier Elemente zeigen.

So bezieht sich die I. perinatale Grundmatrix auf die Situation unmittelbar vor dem Beginn des Geburtsvorgangs, in der der Fötus noch grundsätzlich ungestört in völliger Einheit mit der Mutter im Fruchtwasser schwimmt. Die erinnerte Erfahrung ist hier u.a. ein „ozeanisches Gefühl“, durch das sich „das Individuum in grundlegender Einheit mit anderen Menschen, der Natur, dem ganzen Universum und dem Schöpfungsprinzip erlebt... In dieser Phase ist es möglich, sich im Ozean oder als der Ozean selbst zu erleben, oder sich als Qualle, Fisch oder Delphin zu empfinden“ – ein deutlicher Hinweis auf den durch das Wasser-Element bewirkten Zustand der Entgrenzung, des Wandels und der Verbundenheit. Da dieser Zustand als „häufigste Erlebnisse und Bilder (neben dem des Ozeans) das Paradies, den Garten Eden, den Himmel, Elysium, das Tao, die Einheit von Atma und Brahma oder das Tat tram asi der Upanishaden beinhaltet“, [2] erklärt sich auch die während des Erdenlebens vom Wasser-Element bewirkte Sehnsucht nach der Rückkehr ins Paradies bzw. nach Religion im Sinne von Rückbindung.

Die II. perinatale Grundmatrix wird wirksam mit Beginn des Geburtsvorgangs, also mit dem Einsetzen der Wehen, jenen periodischen Kontraktionen der Gebärmutter, die dem Fötus deren Grenzen spürbar werden lassen. In Bezug auf diesen ersten Geburtsabschnitt wird u.a. die Erfahrung wachgerufen, in einem „Käfig“ oder „Kerker“ [3] oder „klaustrophobischen Raum“ eingesperrt zu sein und sich dabei in einer ausweglosen Lage zu befinden, was auf die durch das Erd-Element sowohl bewirkte Eingeschränktheit des irdischen Lebens des Menschen durch Normen, feste Strukturen und scheinbar endgültige Verhältnisse hinweist als auch auf dessen zunächst durch Einsamkeit, Schuld und Angst gekennzeichnete Grundbefindlichkeit. Zugleich erwächst aus diesem Leiden ja aber erst die Bereitschaft und Fähigkeit zur Transzendenz – wie wir gesehen haben – im Sinne einer Überschreitung der im Außen vorgegebenen Grenzen im Geiste, d.h. einer Hinwendung zu den eigenen inneren Einsichten und Vorstellungen und ihre Realisierung, also Umsetzung in Resultaten größtmöglichster Bedeutung für die Gesellschaft, da diese unverlierbar in der Vergangenheit bewahrt bleiben.

Die III. perinatale Grundmatrix wird wirksam beim Hindurchdringen des Fötus durch den Geburtskanal. Eine der erinnerten Erfahrungen bezieht sich auf das „Freisetzen gewaltiger Energie“, u.a. beim „Abschuss einer Rakete“, also für den Antrieb zur Fortbewegung auf ein Ziel hin. Dabei hat die „Person“ das Gefühl, „nicht hilflos“ sondern „aktiv beteiligt“ zu sein. Die Steigerung des Personalitäts- und Ich-Gefühls findet auch darin ihren Ausdruck, dass der Betreffende sich „mit allen möglichen Personen identifiziert, die die verschiedenartigsten Rollen spielen“ oder mit den „großen Taten von Superhelden“. Die Energie wird aber auch eingesetzt als „aggressive Energie im Kampf mit der Mutter, mit einem Ungeheuer, Tier oder Krieger“ u.a., eben als Trennkraft, um sich als Person zu behaupten, wozu ja gut passt, dass das Kind mit dem Kopf zuerst durch den Geburtskanal dringt. Dabei gehen Schmerz und Lust, „Qual und Ekstase“ ineinander über, passend dazu, dass der Mensch sich als „Opfer und Täter“ gleichzeitig fühlt, bedingt durch den Trennungsschmerz gegenüber der Mutter und der Lust am verheißungsvollen Gewinn von immer mehr Eigenständigkeit.

Es wurden auch „Vulkanausbrüche“ erinnert als besonders treffendes Bild für die Beseitigung von Bisherigem zugunsten von neuen Werdensmöglichkeiten. Das Schaffen von neuen Entwicklungsmöglichkeiten findet in erinnerten Bildern von „der Entdeckung und Bezwingung neuer Kontinente, gefährlicher Abenteuer und waghalsiger Unternehmungen“ Ausdruck. Ebenfalls werden mythologische und religiöse Motive erinnert wie „der Kampf zwischen Dunkelheit und Licht“, die Konfrontation mit „gut und böse vor dem Jüngsten Gericht“, das reinigende „Fegefeuer“, der „Vogel Phönix“, der verbrennt und schöner entsteht als zuvor, die darauf hinweisen, dass es darum geht, eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen. Es sind besonders eindrucksvolle Schilderungen der vom Feuer-Element bewirkten Erfahrungen.[4]

Die IV. perinatale Grundmatrix bezieht sich auf die Schlussphase der Geburt, der endgültigen Trennung vom Mutterleib, die mit der eigenen Atmung des Kindes und der Durchtrennung der Nabelschnur gegeben ist.

Unter den erinnerten Erfahrungen ist für unser Thema das Erleben des „Ich- bzw. Ego-Todes“ besonders interessant, „das unwiderrufliche Ende der philosophischen Identifikation mit dem, was Alan Watts als das ‚von Haut umhüllte Ich’ bezeichnet“ [5] :„ Auf diesem kosmischen Tiefpunkt angelangt, durch den der Mensch Niederlage, Zerstörung und Tod erlebt hat, öffnet sich plötzlich alles zu einem weißen, blendenden Licht hin... der Moment der Wiedergeburt umfasst Visionen strahlender, als göttlich empfundener Lichtquellen, himmlisch blauer kosmischer Räume, Regenbogenspektren, stilisierter Pfauenfedern, himmlischer Wesen wie Engel, wie die kosmische Sonne oder Brahma.... (oder den Eintritt) in den Olymp oder das Elysium... Typisch für diesen Zustand sind brüderliche Gefühle für alle Mitmenschen und die Würdigung und Wertschätzung von Beziehungen der Freundschaft und Liebe....Das auf diesen Erfahrungsbereich eingestimmte Individuum entdeckt bei sich selbst... Gerechtigkeitssinn, die Würdigung des Sch önen... wie auch die Achtung vor anderen.“[6]

Es zeigen sich hier deutlich – wie oben dargelegt – die Wirkungen des Luft-Elements: Die Wendung vom Ich zum Selbst als der göttlich-geistigen Sphäre im Inneren, die den Menschen teilhaben lässt an der idealen Geordnetheit der Dinge, und ihm erst die Realisierung seiner Freiheit und Selbstbestimmung ermöglicht und damit erst seines eigentlichen Menschseins in harmonischen Beziehungen zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt (Abb. 14).

Doch kaum ist der Mensch geboren, scheint er erneut durch die Energiefelder der vier Elemente während seiner Entwicklung hindurchzugehen, wenn auch innerhalb des schon größeren Zeitraums von ca. sieben Jahren, wie die von S. Freud vor allem an der sexuellen Entwicklung orientierten und entsprechend bezeichneten Entwicklungsphasen es zeigen. Auch wenn aus heutiger psychologischer Sicht diese Betrachtung wohl als zu eng erscheint, so lassen die mit diesen Phasen verbundenen allgemeineren Charakteristika sie doch als brauchbar erscheinen.

Die „orale“ Phase (ca. 0.-1¾. Lebensjahr) ist dadurch gekennzeichnet, dass über den Kontakt zur Mutterbrust die Einheit des Kindes mit der Mutter wie einst im Mutterleib weitgehend fortbesteht. Ähnlich wie einst über die Nabelschnur empfängt der Säugling nun über den Kontakt Mund-Mutterbrust flüssige Nahrung und ähnlich wie einst in der Gebärmutter nun über den engen Hautkontakt mit der Mutter Geborgenheit. Dabei hat sich gezeigt, dass es für den Säugling überlebenswichtig ist, dass er nicht nur Nahrung von der Mutter erhält, sondern auch Wärme, Nähe, Zuwendung und Zärtlichkeit. Davon hängt, wie Erik Erikson herausgefunden hat, für den Menschen das „Urvertrauen“ zur Welt ab. Die Übereinstimmung mit den dargestellten Wirkungen des Wasser-Elements ffällt ins Auge.

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