Vom Symbolgehalt der inneren Bilder




Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Bilder unserer inneren Welt nicht sehr von denen der äußeren Welt. Auch hier gibt es Wiesen, Berge, Täler, Flüsse, Meere, Bäume, Blumen, Tiere, Häuser, Gärten, Parkanlagen, Felder, Himmel, Erde, Licht und Schatten. Doch bei genauerer Betrachtung fallen einige Unterschiede auf, die unser Interesse wecken können. Manches erscheint uns farbiger und vollkommener als in der Realität, manches auch sehr viel trister und bedrohlicher. Manchmal sehen wir etwas, das es in der konkreten Welt nicht zu geben scheint oder etwas, das sich anders verhält, als wir es gewohnt sind.

Ich denke da z.B. an das gute innere Licht, dass nicht von der Sonne kommt. Es schützt und stärkt uns auf den Wanderungen durch die innere Welt. In Gewässer können wir eintauchen und dabei weiter atmen. So gelangen wir in immer tiefere Bereiche des Unbewussten. Märchenhafte Wesen begegnen uns und weisen uns den Weg zu unseren Zielen. Feen, Engel, Jesus- und Marinegestalten sind keine Seltenheit in den Bildern der inneren Welt. Wunderschön Perlen können wir in uns finden. Sie enthalten unsere Schätze, die wir kennen sollten. Auch der Teufel treibt sein Spiel in den Tiefen des Unbewussten. Särge tauchen auf. Die müssen wir öffnen, um nach ihrem Inhalt zu schauen, denn sie bergen nicht nur tote Körper. Manches Erleben geht über die Logik unseres Verstandes hinaus. So fühlen wir uns in der Weite des Weltalls weder verlassen noch verloren, eher geborgen und aufgehoben. Wir können im luftleeren Raum atmen und finden hier tiefen inneren Halt. Wie ist das möglich?

Das liegt daran, dass die inneren Bilder keine konkreten Abbilder der Realität sind, sondern Symbole. Sie verbinden verschiedene Inhalte zu einem einheitlichen Gesamteindruck. Wir müssen sie entschlüsseln, damit ihre Inhalte erkennen. Auf unseren Wanderungen durch die innere Welt haben sie Mittlerfunktion. Sie machen bewusst, was das Unbewusste vermitteln will. Sie wecken Ahnungen, Hoffnungen, Stimmungen und Einsichten. Sie ergänzen die vertraute lineare Logik unseres Verstandes um die assoziative »Logik des Herzens« (Blaise Pascal). Wir verstehen uns und die Welt besser, wenn wir beide Sichtweisen kennen, die der Logik und die des Herzens, denn beide machen uns und unsere Wahrheit aus. Symbole treiben ihre Wurzeln bis in die geheimsten Tiefen der Seele. Deshalb enthalten sie nicht nur „kluge“ sondern auch „weise“ Botschaften. Symbole zeigen uns aus einem größeren Zusammenhang heraus, was in Wahrheit sinnvoll ist und was nicht, welche Wege wir gehen sollten und welche nicht. Darin liegt der große Zugewinn, wenn wir mit inneren Bildern arbeiten.

Was ist das Unbewusste?


Das Unbewusste kennt kein Ende, keinen Verlauf und kein Vergessen. Es ist wie die Festplatte unseres Computers. Darin sind alle emotionale Erfahrungen gespeichert, die persönlichen, die schon vor der Entwicklung unsers Bewusstseins in der pränatalen Phase beginnen, die kollektiven, die das Schicksal des Einzelnen mit dem der menschlichen Universalität verbinden, die geistigen, die wir Werte nennen, weil sie das Leben des Einzelnen und das der Gemeinschaft stärken, sobald sie zum Ausdruck kommen und die transzendentalen, die uns ahnen lassen, woher wir kommen, wofür wir da sind und wohin wir nach unserem irdischen Leben gehen.

Nachdem Sigmund Freud das persönlich Unbewusste durch die Arbeit mit neurotischen Patienten und Carl Gustav Jung das kollektiv Unbewusste durch die Arbeit mit psychotischen Patienten erkannt hatten, war es Viktor Emil Frankl, der den Wert der geistigen Haltungen für unser Leben erkannte und sie als eine eigenständige Dimension des Menschen, neben Körper und Psyche, in das therapeutische Konzept seiner Logotherapie aufnahm. Weil Geist auch die Fähigkeit ist, sich spürend auf etwas auszurichten, was außerhalb der Wahrnehmung unserer körperlichen Sinnesorgane liegt, öffnet unbewusster Geist auch eine Tür zur Transzendenz. Sie ist von existenzieller Bedeutung, wenn es um unseren inneren Halt geht. Er ist das Ergebnis einer Ahnung, dass wir dauerhaft in etwas größeres eingebettet sind, als in die täglich wechselnden Bezüge im Alltag. Was also können innere Bilder uns zeigen?

Was die Seele uns zeigen kann

Weil positive emotionale Erfahrungen im Unbewussten genauso gespeichert werden wie negative, erinnern die aufsteigenden Bilder an vergangenes beglückendes und unglückliches Leben, an nicht überwundene Verletzungen ebenso wie an ungelebte Möglichkeiten.

Die Bilder erhellen nicht nur Vergangenes, sie werfen auch Lichter auf Kommendes.

Sie zeigen die inneren Widerstände, die die Entwicklung einer Persönlichkeit stören und sie zeigen Möglichkeiten des Geistes, die noch nicht bewusst geworden sind, z.B. der Freiheit, der Liebe, der Hoffnung, der Kreativität, der Religiosität.

Sie zeigen auch die Gefühlskräfte, die stark genug sind, körperliche und seelische Verletzungen zu heilen.

Sie vermitteln allgemein wichtige Einsichten und Erfahrungen der Menschheit, an denen jeder Einzelne in der Tiefe seiner Seele Anteil hat.

Sie sind nicht nur die Brücke zwischen Bewusstem und Unbewusstem, sie sind auch die Brücke zwischen Immanenz und Transzendenz. Sie ergänzen unser bewusstes Bild der Wirklichkeit um die viel reichere Welt der inneren Wirklichkeit. Beide Bereiche gehören zu uns und beeinflussen unser Leben.

Welchen Ausschnitt der inneren Welt wir auf unseren Wanderungen zu sehen bekommen – welche Landschaft, welches Tal, welches Haus, welchen Raum im Haus oder welchen Garten – hängt von der Frage ab, die wir an das Unbewusste stellen, bevor wir uns auf die Wertimagination eingelassen. Weil unser Geist intentional ist, richtet er sich suchend nach Antworten aus. Man kann auch sagen: Unsere Seele hört genau zu, wenn wir Fragen stellen und sie ist sehr „gesprächig“, wenn es darum geht uns Botschaften aus dem Unbewussten zu senden. Es kann auch sein, dass nicht unsere Frage beantwortet wird, sondern dass wir etwas zu sehen bekommen, was noch wichtiger ist, weil wir es bisher nicht ausreichend zur Kenntnis genommen haben. „Ich möchte mal den Regisseur kennen lernen, der für die inneren Bilder verantwortlich ist“, sagte Uwe Böschemeyer mehrfach in seinen Seminaren, wenn er über die Botschaften der inneren Bilder staunte.

Innere Landschaften und Seelenräume

Unser innere Welt drückt sie in Landschaften und Räumen von unterschiedlicher Beschaffenheit aus, durch Landschaften, die mehr oder weniger weit sind, durch Gärten, die mehr oder weniger gepflegt oder geordnet sind, durch Häuser, die bewohnt oder verlassen, verkommen oder idyllisch erscheinen, durch höhlenartige Räume, die größer oder kleiner, heller oder dunkler sein können. Zu manchen Bäumen haben wir einen besonderen Bezug. Als Lebensbaum symbolisieren sie unser Leben mit einer mehr oder weniger gut ausgebildeten Krone, mit Verletzungen am Stamm oder fehlenden Ästen.

Wie wir mit uns umgehen

Innere Landschaften und Räume müssen gepflegt werden, damit sie gesund bleiben und uns Kraft zum Leben geben können. Sie müssen auch gegen Eindringlinge verteidigt werden, damit sie unser Land, unser Garten, unser Haus oder unsere Höhle bleiben, damit diese Räume von keinem anderen beansprucht oder beherrscht werden, als von uns. Wir sorgen für unser inneres Land, indem wir uns zum Ausdruck bringen, unsere Ansichten, Meinungen, Gefühle oder Bedenken äußern, dafür sorgen, dass unsere Bedürfnisse gesehen und erfüllt werden und Grenzen beachtet werden, wenn andere diese überschreiten. Tun wir das nicht, dann sind wir nicht bei uns zu Hause, dann haben wir unsere Heimat verloren. Dann kann die Landschaft zu einem unbegehbaren Tal, der Garten zu einem unfruchtbaren Acker oder die Höhle zu einem feuchten Loch verkommen. Dann irren wir wie Heimatlose durchs Leben. Dann sind wir nicht geerdet, dann sind wir leicht zu verunsichern, dann wissen wir nicht was wir wollen, wohin wir wollen und wozu wir da sind. Paul Tillich, der deutsche und später US-amerikanische Theologe und Religionsphilosoph, sprach 1956 in diesem Zusammenhang vom Verlust der Tiefe, die uns Orientierung und inneren Halt gibt.

Gesundes Land

Ein Land, dass wir pflegen, zeigt sich in hellen, farbigen und lichtvollen Bildern, die eine angenehme Ruhe und ein Heil-sein vermitteln. In ihnen drückt sich gesundes und kraftvolles Leben aus. Gesunde Landschaften wirken freundlich. Die Berge sind licht, die Täler grün. Die Bäume und Pflanzen stehen in voller Blüte. Die Flüsse sind rein. Die Luft ist klar, der Wind ist angenehm warm. Überall ist eine gute Ordnung erkennbar. Es ist ein Land der einfachen Wahrheiten, das glücklich macht.

Verletztes Land

Ein Land, das wir nicht in Anspruch nehmen, das wir vernachlässigen, obwohl es unser Land ist, das andere besetzen oder auf Verletzungen hinweist, zeigt sich in dunkel, neblig, öde und kalt wirkenden Bildern. Verbrennungen, Risse, Spalten, Spaltungen, Abbrüche, Abgründe, Eis, Höhlen, Gräben, Sümpfe, Zäune oder Chaos weisen auf verletzte oder neurotische Anteile in uns hin. Ein solches Land kann rechteckig, gerade und lieblos wirken. Es können Akten, Gesetzesbücher und Abbildungen von Gesetzestafeln herumliegen, so als gäbe es für alles immer nur ein Richtig und Falsch. Man hat nie ausprobiert, was krumm und doch lebendig ist. Nirgendwo sind Pflanzen und Bäume, überall nur stehendes Wasser. Nichts wächst mehr. Das Land kann überzogen sein von verzehrendem Feuer, ist manchmal auch eine riesige Lava-Hölle. Es kann eine geröllige Gebirgslandschaft sein, die von mächtigen Gewittern mit gewaltigem Echo heimgesucht wird. Orkane, Erdbeben und Überschwemmungen können das Land beuteln, Folterkammern und Scheiterhaufen können es bestimmen. Es ist ein Land der Sinnlosigkeit und des Todes.

Solche Bilder lassen erkennen, wie sensibel unsere Seele erlebt. Wenn ein solches Land unser Leben bestimmt, dann schwächt es uns. Dann fühlen wir uns nicht wohl. Dann macht das Leben uns Angst und Unbehagen. Nicht überwundene Verletzungen können dauerhaft unsere Grundstimmung beeinträchtigen oder auch situativ zum Ausdruck kommen. Alle Situationen, die uns übermäßig viel Kraft kosten oder Probleme bereiten, sind Ausdruck der destruktiven Energie, die von diesen Landschaften ausgehen.

Das kleine grüne Land

Verunglückte Räume sind neben gesunden Räumen in jedem Menschen vorhanden. Das hat nichts mit dem Ausmaß oder Umfang einer Störung zu tun. Beide sind Ausdruck der polaren Struktur unseres Lebens. Unsere Seele erfährt nicht nur Gutes, sondern immer auch Schmerzhaftes. Letzteres immer dann, wenn wir unsere Bedürfnisse nicht zum Ausdruck bringen oder die Umwelt nicht erkennt, wonach wir gerade verlangen bzw. sie nicht im Stande ist uns das zu geben, was wir brauchen. Tröstlich ist, dass das Dunkle unsere Seele niemals ganz besetzt. In jeder noch so dunklen Seelenlandschaft gibt es immer noch einen kleinen grünen Fleck, das kleine grüne Land oder die Sonne hinter den Hügeln, die wir entdecken und zur Keimzelle für neues gesundes, kraftvolles und gelingendes Leben machen können.

Seelenhäuser und Seelenräume

So wie wir im realen Leben in verschiedenen Häusern wohnen und leben, so wohnt und erlebt auch unsere Seele in verschiedenen Häusern. Das kann eine repräsentative Schlossanlage sein, in der Wichtiges passiert, das kann ein Herrenhaus sein, in das wir uns zum Schutz zurückziehen, das kann eine Burg sein, auf der wir unser Leben verteidigen, das kann ein Privathaus mit Garten sein, in dem wir entspannen und uns zuhause fühlen, das kann jedes andere Haus auch sein, in dem sich unsere Seele mitteilt.

Jedes Haus hat Räume, die unterschiedliche Funktionen haben. In einigen Räumen wird entschieden und regiert, in anderen werden Feste gefeiert, in wieder anderen findet das tägliche Leben statt. Manche Räume dienen der Selbstreflexion, in anderen sammeln wir unser Wissen. Wieder andere werden zur Abstellkammer, aus denen uns meist keine guten Kräfte entgegen kommen. In manchen Räumen verbergen wir auch Geheimnisse. Manches, was wir schamhaft erleben, verbergen wir nicht nur vor anderen sondern auch vor uns selbst. Wenn es sich unserer Kenntnis entzieht, ist es leider nie weg, sondern beginnt ein unkontrolliertes Dasein. Das ist meist nicht zu unserem Vorteil.

Unser Seelenhaus

Imaginativ können wir zu unserem Seelenhaus gehen. Oft ist es ein stabiles Steinhaus, das mehrere Stockwerke hat. Die oberen Räumen sind hell und lichtdurchflutet. Sie symbolisieren das gesunde Leben in uns. Hier findet ursprüngliches und gelingendes Leben statt. Die unteren Räume sind dagegen dunkel und feucht. Das sind die Räume, in denen unser Leben Schaden genommen hat, wo Verletzungen stattgefunden haben, wo unsere Seele Folter erlebt hat. Auch hier: Beides ist immer in unserem Seelenhaus vorhanden, das Helle und das Dunkle, das bringt die polare Struktur unseres Lebens mit sich. Wir können uns beide Seiten anschauen. Wer sich die neurotischen Räume anschaut, darf nicht vergessen, dass sie nur eine Seite unseres Erlebens repräsentieren. Es gibt immer auch das Helle und unverletzte Erleben in uns. Das Neurotische füllt niemals die gesamte Seele und damit auch nicht unser gesamtes Seelenhaus aus. Als polar strukturierte Wesen haben wir beides in uns und können uns beides bewusst machen. Zieht uns das Dunkle zu sehr in seinen Bann, muss es bearbeitet werden, bis es den Blick auf das Helle freigibt, das unser Leben gelingen lässt.

Wie wir Symbole „entpacken“


Die fünf Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung in der äußeren UND inneren Welt

Die Symbole, die vor unserem inneren Auge aufsteigen, können wir nicht einfach durch klicken wie beim Computer entpacken, damit sie ihren Inhalt preis geben. Wir müssen uns dazu etwas mehr Mühe geben. Sie erschließen sich, wenn wir von unseren Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung Gebrauch machen. Auch in der inneren Welt können wir sehen, tasten, riechen, hören und schmecken. Wir kommen dem Inhalt der Symbole näher, wenn wir sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, sie aus der Ferne und aus der Nähe anschauen, um sie herum gehen, sie isoliert und in Bezug zu ihrem Umfeld betrachten, sie ertasten, ihren Geruch und ihren Geschmack wahrnehmen oder hören, was sie uns zu sagen haben. Wenn wir die inneren Bilder so auf uns wirken lassen und uns immer wieder fragen, was sie ausstrahlen und was sie in uns auslösen, kommen wir ihrem Inhalt näher. Wir erkennen, dass sie nicht nur Botschaften vermitteln, sondern auch Kräfte transportieren, derer wir uns bewusst werden. In der Wertimagination findet ein ständiger Fluss in die Bewusstheit statt. Das ist erwünscht, denn nur was in unserem Bewusstsein angekommen ist, können wir im konkreten Leben sinnvoll gestalten. Die guten Kräfte können wir vermehrt einsetzen, damit unser Leben besser gelingt. Von den unguten Kräften können wir uns zunehmend mehr verabschieden. Also von den Kräften, die uns bisher in unguter Weise und unbeeinflussbar geängstigt, niederdrückt, zerstreut, in unangemessener Weise antrieben oder gestresst haben. So können wir neue Freiräume für eine angemessene Lebensgestaltung gewinnen.

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